| |
 |
Das Gleichnis vom Rad
2. Teil
Was soll das farbige Bild im Einzelnen darstellen?
Die Antwort ist nicht leicht. Es gibt gewissermassen vier Ebenen: 1. Die grundlegenden Ideen des Malers, 2. die Interpretation von Bruder Klaus, dann 3. die seiner Zeitgenossen (Pilgertraktat und Biographie Gundelfingens) und schliesslich 4. die heutigen Deutungsversuche. Was der Maler wirklich sagen wollte, ist nirgends schriftlich festgehalten worden, es wäre ja auch eher ungewöhnlich. Ebenso wissen wir nicht mit letzter Sicherheit, was Bruder Klaus im Bild sah. Dass die Zeitgenossen, von denen schriftliche Zeugnisse vorliegen, am ehesten recht haben, scheint irgendwie einleuchtend, verschafft uns jedoch noch lange nicht die absolute Gewissheit. Jedenfalls sollte alles vermieden werden, was dem Bild Gewalt antut und es in ein Schema von fixen Ideen hineinpresst. Es darf nicht sein, dass man irgendwelche Privat-interpretationen zum Masstab macht, an den sich alle anderen dann zu halten haben. Herauslesen, nicht hineinlesen, das ist gefragt. Vorrang muss dennoch die Frage haben: Was wollte der Maler mit seinem Bild sagen?
Die sechs «Speichen»
Das Wort «Speiche» ist bereits eine nachträgliche Interpretation, es ist überhaupt nicht gesagt, dass der Maler daran dachte. Drei «Speichen» sind aussen breit und innen spitz, bei drei weiteren verhält es sich umgekehrt. Die Zahlenstruktur 2 mal 3 scheint auf jeden Fall wichtig zu sein. Das lässt vermuten, dass das Bild etwas über die Dreifaltigkeit Gottes aussagen möchte es muss ja in der Gesamtstruktur des Bildes ein Sinn liegen. Ob und wie dem so ist, das muss aus den sechs äusseren Medaillons (Rundbildern) zu erschliessen versucht werden. Die Tatsache, dass es zwei Arten von Speichen (bzw. Strahlen) gibt, einmal aussen breit, einmal spitz, lässt auf zwei entgegengesetzte Bewegungen schliessen, nach aussen und nach innen: Gottes Wirken ist nach aussen dreifach, dreifache Zuwendung gegenüber den Menschen und der ganzen Schöpfung. Diese soll antworten mit dem Lobgesang, die ganze Schöpfung, alles, was atmet, soll Gott loben.
Die sechs äusseren Medaillons
Eine genaue Reihenfolge der Betrachtung scheint vom Maler nicht vorgegeben zu sein, lediglich je zwei sind aufeinander bezogen: Verkündigung an Maria und Geburt Jesu, sowie Gefangennahme und Kreuzigung. Da zwei Rundbilder mit zwei Strahlen (Speichen) verbunden sind, die aussen breit verlaufen, und je einmal Jesus (der Sohn) und den Heiligen Geist beinhalten, scheint es naheliegend zu sein, dass im dritten Medaillon Gottvater dargestellt wird. Nachfolgend werden zuerst diese drei Medaillons dargestellt und besprochen, dann die übrigen drei und zuletzt das zentrale Rundbild. Die äusseren Medaillons enthalten zudem symbolisch angedeutet Hinweise auf die Werke der Barmherzigkeit.
|
|

|
Jesus am Kreuz
Vor einem grünen, hügeligen Hintergrund erhebt sich das Kreuz. Jesus hängt daran mit geneigtem Haupt, das einen entstellten Gesichtsausdruck hat. Es ist keine eigentliche Dornenkrone sichtbar, bloss eine weisse Kopfbinde. Die Szene ist unblutig, und keine Seitenwunde ist zu sehen. Jesus ist allein, verlassen. Der feingliedrige Körper scheint zu schweben. Das Kleid, um den nach den Passionserzählungen das Los geworfen wurde, wird hier zum Symbol für das barmherzige Werk «Nackte bekleiden»
|
 |
Verkündigung der Geburt Jesu
Maria kniet vor einem Lesepult, in blauem Kleid und weissem Mantel. Links beugt ein Engel sein rechtes Knie. Er schaut jedoch nicht zu Maria hin, sondern, was eine ikonographische Besonderheit ist, zur in der Mitte herabschwebenden Taube, welche den Heiligen Geist symbolisiert, d.h. er betet den Geist Gottes an, seine Gottheit. Das Bild wurde später übermalt. Eine Fotoaufnahme mit Ultraviolett lässt an der Schulter des Engels zwei kleine spitze Flügel sichtbar werden. Der Engel hält ein Spruchband, das an einem Stab befestigt ist, auf dem Band ist zu lesen: Dominus tecum.
Vorne am Lesepult ist ein Emblem zu sehen, ein Kreuz und ein Halbmond. Vermutlich handelt es sich um das Monogramm des Malers.
Schliesslich liegen unten im Bild zwei gekreuzte Achselkrücken, welche hindeuten auf die Pflicht, gegenüber Kranken barmherzig zu handeln.
|
 |
Gottvater als Schöpfer oder Jesus als Weltenrichter?
Da in je in einem Medaillon der Sohn, Jesus (am Kreuz) und der Heilige Geist (Verkündigung) dargestellt werden, ist es naheliegend, dass in diesem Medaillon Gott-Vater dargestellt ist.
Auf der rechten Seite sitzt eine männliche Gestalt mit Bart, mit weisser Albe und rotem Mantel, in der linken einen Reichsapfel. Die Gestalt trägt die Kaiserkrone Karls IV. Es sind drei weitere vernunftbegabte Wesen erkennbar, zwei davon haben Flügel. Oben rechts sind Sonne und Mond abgebildet, unten vier Tiere, eine Ziege, ein Hase und zwei Vögel, ferner noch Brot, Fisch und Weinkanne. Letztere symbolisieren das Werk «Hungrige und Dürstende speisen». Gott im Angesicht der Schöpfung, das scheint hier das Thema zu sein. Gott ist der Schöpfer aller Kreaturen, und die ganze Schöpfung schuldet ihm Anbetung, Lob und Dank. Das sind zwei Bewegungen: von Gott her und zu Gott hin, entsprechend der Struktur des Bildes mit zwei Arten von Strahlen (bzw. Speichen).
Wer ist nun die sitzende Gestalt anders als Gottvater?
Der Sohn wird zwar als König verehrt, aber nie mit Reichsinsignien eines Kaisers dargestellt. Woher kommt dann die Idee, es müsse sich hier um den Sohn als Weltenrichter (gem. Mt 25) handeln? 1980 erschien von Pfarrer K. H. Zeiss das Bändchen «Gesicht im Goldkreis», er stellte nun diese Behauptung auf, die er auf zwei Argumente abstützen wollte, die beide historisch völlig unhaltbar sind. Pfarrer Zeiss ging davon aus, dass der Holzschnitt im Pilgertraktat älter sei. Das farbige Bild entstand jedoch spätestens 1480, der gedruckte Traktat frühestens 1486 (eher 1487). Dann meinte er noch, weil die Gestalt im Holzschnitt einen Kreuznimbus (Heiligenschein mit Kreuz) trage, könne es sich nur um den Sohn, um Christus den Weltenrichter handeln. Auch dieses Argument ist historisch absolut falsch. Tatsächlich gab es gerade in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts vermehrt Darstellungen, in denen auch Gott-Vater einen Kreuznimbus trägt, man denke allein an den Typus namens «Gnadenstuhl», in dem alle drei göttliche Personen abgebildet werden, z. B. auf einem Reliquiar, das einst Guillaume de Grandson gehörte und sich heute im Musée d'Art et d'Histoire, Freiburg Schweiz befindet. - Dieses und weitere Beispiele finden Sie (durch Anklicken) in der Beilage
|
|

|
Gefangennahme Jesu
Jesus wird von Judas Ischariot verraten und von drei Häschern gefangen genommen. Petrus schlägt mit dem Schwert dem einen Häscher ein Ohr ab, das Jesus aufnimmt und diesem wieder ansetzt.
Die Kette rechts unten symbolisiert das barmherzige Werk «Sich um die Gefangenen kümmern».
|
|

|
Geburt Jesu
Das neugeborene Jesuskind liegt in einem Stall auf dem mit Stroh ausgelegten Boden. Im Hintergrund kniend Ochs und Esel. Maria betet das Kind an, von dem ein heller Licht ausgeht. Diese Anbetung durch Maria soll hier im Bild unterstreichen, dass dieses Kind Gott ist, der Mensch wurde.
Auch fehlt ein Symbol für die Werke der Barmherzigkeit nicht, diesmal ist es «Fremde beherbergen», angedeutet durch Pilgerstab und Tasche.
|
|

|
Die Totenmesse
Auf einem Marienaltar Maria trägt in der linken Hand einen Apfel feiert ein Ordenspriester, vermutlich ein Dominikaner, eine Totenmesse. Hinter ihm kniet ein Messdiener oder Mesner mit einer grossen Kerze. Im Hintergrund an der Wand steht ein Sarg. Dieser deutet symbolisch das letzte Werk der Barmherzigkeit an, nämlich «Tote begraben».
Unten wurde ein Wappen aufgemalt, das ziemlich sicher das des Stifters ist. Dieser konnte jedoch bis heute nicht ausfindig gemacht werden. Das Wappen enthält eine Burg oder ein Stadttor und oben wäre der Namensschild, der jedoch nicht mehr lesbar ist.
|
 |
Das gekrönte Haupt
Die männliche Gestalt trug ursprünglich - was sich mittels Röntgenaufnahmen nachweisen lässt keinen Bart. Auf dem Haupt ist eine einfache Krone, die eines Markgrafen oder Herzogs; sie ist keine Königskrone.
Zwei Quellentexte, die wahrscheinlich vom gleichen Autor stammen, berichten davon, dass Bruder Klaus das gekrönte Haupt für Gott die einige Gottheit gehalten habe. Es ist jedoch nicht sicher, ob der Maler die Absicht hatte, genau dies darzustellen. Es könnte sein, dass das Bild für einen Adligen angefertigt wurde und diesem für Andachtsübungen oder sogar als tragbares Altarbild diente. Das Bild sollte diesem die wesentlichen Punkte des Glaubens und der Moral vor Augen halten. Dann allerdings wäre die zweifache Verschiedenheit der Strahlen wieder unklar, ausser es wäre eben das glaubende Aufnehmen und das dem Glauben angemessene Handeln des Christen damit gemeint. Jedenfalls ist seit Augustinus die Gottebenbildlichkeit des Menschen in der Theologie wichtig «Zieht den neuen Menschen an, der nach dem Bild Gottes geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit.» (Eph 4,24) Im Anschluss an Psalm 3,3 nennt Petrus Lombardus den menschlichen Geist ein Haupt, das von Gott aufgerichtet wird. Wilhelm von Saint-Thierry bezeichnet das Geist-Haupt als Sitz der Gottesliebe, wodurch ihr alle anderen Arten der Liebe unterstellt sind. Liebe = caritas = Barmherzigkeit, das wichtige Nebenthema des Bildes. Wenn nun ausserdem das Herz des glaubenden Menschen ein Tabernakel Gottes ist, dann stimmt auch wieder die andere Aussage: Die Mitte ist Gott, bzw. die ungeteilte, dreieinige Gottheit.
|
| Bei heutiger Betrachtungsweise mutet das ganze Bild an wie ein christliches Mind Mapping. Man kann damit in einfacher "Selbstorganiation" sich meditativ in den Glauben und in die Ethik vertiefen. Die Gedanken fließen geordnet und lassen sich in Verästelungen anschaulich und einprägsam darstellen.
Autor: Werner T. Huber, Dr. theol.
Im 3. Teil werden die Beschreibungen des Rades aus dem um 1487 gedruckten Pilgertraktat und aus der biographische Handschrift von Heinrich Gundelfingen, datiert mit 13. August 1488, einander synoptisch gegenübergestellt, so dass durch die auffälligen Gemeinsamkeiten ein Hinweis auf den Verfasser des anonymen Pilgertraktats hervortritt. |
|