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Das Gleichnis vom Rad
3. Teil
Warum ist im Zusammenhang mit dem farbigen Meditationsbild von Bruder Klaus überhaupt von einem «Rad» die Rede?
Für die meisten Besucher des Eremiten war an dem Bild nichts Auffälliges. Bis einer kam, der mit seiner sprühenden Phantasie in der Struktur des Gemäldes ein Gleichnis entdeckte: ein Rad mit einer Nabe in der Mitte, mit einem Reif aussen und dazwischen sechs Speichen. Aus den alten Quellen, d.h. den Texten bis zum Jahre 1500 gibt es nur zwei, die hier von einem «Buch» und zugleich von einem «Rad» sprechen: Der sogenannte «Pilgertraktat», weil der Verfasser nicht bezeichnet wird, dann die «Historia Nicolai Underwaldensis eremitae» (Die Geschichte von Nikolaus, dem Einsiedler in Unterwalden), eine Handschrift auf Pergament, die Heinrich Gundelfingen, datiert mit 13. August 1488 der Stadt Luzern schenkte. Diese Handschrift enthält zudem ein reich ausgeschmücktes Offizium (Texte und Gesänge für eine Messe und das Stundengebet).
Untenstehend werden die beiden Texte synoptisch (in einer Zusammenschau) gegenübergestellt, der Text links (Pilgertraktat) ist in originaler Reihenfolge wiedergegeben, während der Text rechts (Historia Nicolai) thematisch angepasst wurde. - Der ganze Pilgertraktat samt Holzschnitten ist im Quellenwerk zu finden (Quelle 048), ebenso die Historia Nicolai von Heinrich Gundelfingen (Quelle 052).
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Pilgertraktat (PT) |
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Historia Nicolai (HN) |
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| 1) Und er begann wiederum und sprach zu mir: Wenn es dich nicht
verdriesst, so will ich dich auch mein Buch sehen lassen, worin ich lerne und die
Kunst dieser Lehre zu verstehen suche. Und er trug etwas herbei, worauf
ein Gleichnis aufgezeichnet war, das der Struktur nach aussah wie ein
Rad mit sechs Speichen, in der Art, wie
es anschliessend abgebildet wird: |
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. Diese sowie andere Geheimnisse und verborgene Bedeutungen des Rades
hat unser Einsiedler in seinem Buch, d.
h. in jenem Rad gelehrt. |
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| 2) Und er begann zu reden und sprach zu mir: Siehst du diese Figur? So
ist das göttliche Wesen. Die Mitte bedeutet die ungeteilte Gottheit, in
der sich alle Heiligen erfreuen. Die drei Spitzen, die in der Mitte, beim
inneren Ring, hineingehen, bedeuten die drei Personen. Sie gehen aus von
der einen Gottheit ... |
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. Und wie die drei Personen in ihrer Macht die Spitzen jener Strahlen
aussenden, ... |
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| 3) ... und haben den Himmel und die ganze Welt umfangen in ihrer
Kraft. |
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. ... die so den Himmel und die Erde umfassen. |
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| 4) Und so, wie sie ausgehen in göttlicher Macht, so gehen sie auch
hinein, sie sind einig und ungeteilt in ewiger Herrschaft. Das bedeutet
diese Figur. |
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. ... so kehren sie in der gleichen Kraft breiter verlaufend zurück in
den Spiegel der Gottheit. |
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| 5) Nun will ich dir auch etwas sagen von der reinen Magd Maria, die eine Königin ist des Himmels und
der Erde; sie ist durch göttliche Weisheit im voraus ausersehen worden.
Diese [Weisheit] hat sie umgeben, sobald Gott an sie gedacht hat, dass sie
empfangen werden sollte. Darum ist sie im Plan Gottes früher empfangen
worden als im mütterlichen Leib. Und diese Gnade ist mit grosser
Heilskraft in die Empfängnis hineingegangen, darum ist sie rein, zart und
unbefleckt. So ist die Kraft des Allerhöchsten ausgegangen und hat sie
umfangen, und sie ist liebreich erfüllt worden vom Heiligen Geist. Sodann
siehst du im Rad etwas, das in der Mitte beim innern Ring breit ist und
nach aussen in eine kleine Spitze verläuft. Nach Bedeutung und Form der
Speiche ist nun der grossmächtige Gott, der alle Himmel bedeckt und
umfasst, in Gestalt eines kleinen Kindleins von der höchsten Jungfrau,
ohne Verletzung ihrer Jungfrauschaft, ein- und ausgegangen. Den gleichen
zarten Leib gab er uns zur Speise mitsamt seiner ungeteilten Gottheit. So
siehst du diese Speiche, die ebenfalls beim innern Ring breit ist und nach
aussen hin, gegen den äussern Ring klein wird, auf diese Weise ist die
grosse Kraft Gottes des Allmächtigen in dieser geringen Substanz der
Hostie. |
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. Er betrachtete in vortrefflicher Weise in zwei Strahlen, die mit der
breiteren Seite das Gotteshaupt berühren, die Geheimnisse des Sakraments
der Eucharistie sowie die Geburt Christi und das Wunder der unbefleckten
Jungfrau und Mutter Maria, seiner
innigsten Patronin, die vom strahlenden Abbild der Gottheit her durch die
Überschattung des Heiligen Geistes empfangen hatte. |
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| 6) Nun beachte ausserdem eine Speiche, die ebenfalls breit ist beim
innern Ring und gegen den äussern hin klein, das bedeutet den Wert unseres
Lebens, das ganz und gar klein und vergänglich ist. In der kleinen Zeit
[unseres Lebens auf Erden] können wir durch die Gottesliebe eine unaussprechliche Freude gewinnen, die nie mehr
ein Ende nimmt. |
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. ... mit dem dritten Strahl, der mit der breiten Seite das göttliche
Antlitz berührt, wie unser kurzes und vergängliches Leben nach geringer
Zeit die grössten, unendlichen, unaussprechlichen
Freuden im Himmelreich erlangt. |
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| 7) ... |
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. Das zeigen die drei Strahlen an, die mit ihrem breiten Teil das
göttliche Abbild berühren. Denn unser Verstand sucht auf dem breiteren
Weg, d. h. mit Hilfe der sinnlichen Wahrnehmung nach dem Wesen der
Gottheit, das einfach und scharf ist. Der äussere Teil der Strahlen aber
ist wegen der Menschwerdung und der Erlösung breit und weit. |
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| 8) Das ist die Bedeutung meines Rades. Diese Worte erfreuten mein Herz.
Das war also seine Erklärung, die er mir gab. |
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. Auf gleiche Weise zeigte unser Eremit ... |
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| 9) Nun erwog ich in meinem Herzen, wie ich mit meiner Vernunft die
grundlegende Bedeutung des Rades finden könnte, das Bruder Klaus mir
gezeigt hatte. Ich bat Gott, dass er mir die Gnade gebe, wodurch sein Name
geheiligt werde. Siehe, während ich nachdachte, da fertigte ich eine
Nachbildung von diesem Rad an und fügte jeder Speiche des Rades ein
Gleichnis bei, damit ich alles gut verstehen konnte. |
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. Durch das Wahrnehmen der spürbaren, bei uns erzielten Wirkungen und
durch eifriges Nachdenken können wir zur Erkenntnis der unfassbaren
Gottheit gelangen. |
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| 10) So sollt ihr aufmerksam den inneren Ring des genannten Rades
betrachten, wie es mich der liebe Vater, Bruder Klaus, gelehrt hat, in der
Bedeutung des klaren Spiegels des wahren
lebendigen Gottes. In diesem ist unaussprechliche Freude und Wonne immer
und ewig. Diesen göttlichen Spiegel setze ich hierhin in der Gestalt eines
menschlichen Bildes; |
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. Lernte er nicht auch auf dieser Hochschule des Heiligen Geistes das
Bild jenes Rades kennen, das er in seiner Zelle malen liess, in dem der
klarste Spiegel der ganzen Gottheit
erstrahlt? |
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| 11) ... obwohl ich es nicht recht gründlich verstehe ... |
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. Weitere Deutungen überlasse ich jenen, die es besser
verstehen. |
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| 12) ... stelle ich es so dar, weil der Herr gesprochen hat: Wir wollen
einen Menschen schaffen nach unserem Bild und nach unserer Gestalt (Gen
1,26); ich stelle es so dar, obwohl man es auch auf eine andere Weise
versuchen könnte. Aber ich muss mir ja sagen, dass Gott vom Himmel
herabgestiegen ist und menschliche Gestalt angenommen hat. |
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| 13) Aus diesem göttlichen Antlitz [Spiegelbild] gehen drei Symbole aus;
dies sind die drei ersten Speichen in diesem Rad. Eine Spitze einer
solchen Speiche geht vom Ohr aus. Dies
sollen wir so verstehen, dass Gott alles weiss, sowohl das Vergangene wie
das Zukünftige, und er wusste, wie er alle Dinge erschaffen wollte, in
welcher Weise, Form und Gestalt, jede Kreatur in ihrer Eigenart und jedes
Geschöpf zur Vermehrung durch seinen Samen (Gen 1,11-12). Darum ist er ein
Schöpfer aller Dinge und ein Vater von allem, denn er hat alles gemacht.
Wohl deshalb wird er Vater genannt, die erste Person. Denn er ist ewig,
vorher und nachher, in seiner Erhabenheit, und in seinem Ratschluss sind
die Dinge im voraus geboren und gemacht worden. Nun sollen wir uns auch
die zweite Speiche in diesem Rad merken, die mit einer kleinen Spitze
hinzeigt in das klare Angesicht Gottes. Die Art, wie die Speiche in diesem
Gleichnis ausgeht aus dem göttlichen Auge, sollen wir uns in solcher Liebe zu
Herzen nehmen, dass er der Gott ist, der alle Dinge sieht und dem nichts
verborgen ist. Sein göttlicher Spiegel weiss und sieht alles. Darum sah er
unser grosses Elend, das wir durch das Verzehren des Apfels hatten, und
dass wir dadurch seiner göttlichen Herrlichkeit sollten beraubt werden. Da
dachte er an Abraham und erprobte ihn, ob er gehorsam sei. Es zeigte sich,
dass er den Herrn liebte und gemäss der Anordnung, die Gott ihm gab,
bereitwillig seinen einzigen Sohn opfern wollte (Gen 22,2-16). Als Gott
diesen Gehorsam sah und diesen im Rate der Dreifaltigkeit gegen den
Ungehorsam Evas und Adams abwägte, da gewann die Barmherzigkeit die
Oberhand, und es wurde erkannt, dass Gott seinen eingeborenen Sohn senden
und dass dieser menschliches Fleisch annehmen sollte, damit er den
Sündenfall wiedergutmache. So ist die zweite Person ausgegangen, das ist
der Sohn Gottes, der mit Gott vereint ist in ewiger Wesenheit, ungeteilt,
immer und ewig. Nun seht und betrachtet die dritte Speiche, die mit einer
kleinen Spitze in den göttlichen Spiegel des klaren Angesichts Gottes
hineingeht, in solcher Weise, als ob sie aus dem göttlichen Mund herauskommt! Zu verstehen ist dies: Er
[Gott] ist der Brunnen, woraus alle Weisheit fliesst, die demjenigen
mitgeteilt wird, der ihrer aus echter Liebe begehrt. Das ist die süsse
Einfliessung des Heiligen Geistes, wodurch es uns ermöglicht wird, seine
reine Gottheit ewig anzuschauen. |
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. Drei aussen breit beginnende Strahlen heften dort von der Seite her
ihre Spitzen in das göttliche Antlitz im innersten Kreis, von dem die drei
stärkeren Wirkungen dieser Dreiheit entspringen: die Schöpfung, die
Passion und die göttliche Verkündigung - aus dem Ohr, dem Auge und dem Mund des leuchtenden Gotteshauptes
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14) Es sind drei Personen, die von der einen Gottheit ausgegangen sind
und mit ihrer grossen Kraft und Weite Himmel und Erde umfassen; sie sind
einig in ewiger Macht, immer und ewig.
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Wie eingangs der Studie erwähnt, ist Heinrich Gundelfingen der Verfasser der «Historia Nicolai Underwaldensis», diese ist im Vorwort datiert mit Waldkirch 13. August 1488; dediziert ist die Schrift der Stadt Luzern.
H. Gundelfingen ist sehr wahrscheinlich in Konstanz geboren. 1458 immatrikulierte er sich an der Universität Heidelberg und am 8. Oktober 1460 an der Universität Freiburg im Breisgau, die erst in jenem Jahr als habsburgische Stiftung eröffnet wurde. Am 29. Dezember 1465 wurde der Baccelaureatus Joh. H. G. nach einem amtlichen Protokoll vom Magisterium zurückgewiesen, «praecipue propter deformitatem morum» (wegen sittlichem Missverhalten). Dass er später an der dortigen Artistenfakultät dennoch den Magistergrad (mag. artium) erwarb, ist ziemlich sicher, dies dürfte jedenfalls die Voraussetzung gewesen sein für seine im Jahre 1471 und 1476 erfolgte Anstellung an derselben Fakultät als Lehrer der Dicht- und Redekunst (Poetik und Rhetorik), verschiedene Male war er auch Dekan. Versuche, an die theologische Fakultät überzuwechseln und da einen Grad zu erwerben, schlugen stets fehl. Im Jahre 1488 zog er sich von der Universität zurück und lebte fortan in Waldkirch (Schwarzwald) bis zu seinem Tod 1491. Während seiner Tätigkeit in Freiburg übernahm er einige Pfründen, ohne aber selber dort zu residieren, ausser in Freiburg, wo er als Kaplan eingetragen war. Sehr wahrscheinlich hatte er unter anderem auch die Pfarrpfründe von Sarnen inne, die seit 1480 dem Patronat der Stadt Luzern unterstand. Weitere biographische Notizen sollen in der nachfolgenden Aufstellung Erwähnung finden, wo es darum geht, Heinrich Gundelfingen auch die Autorschaft des Pilgertraktats nachzuweisen.
Ist H. Gundelfingen nun nicht nur der Autor der «Historia Nicolai» und des «Offiziums de fratro Nicolao», sondern auch des in Augsburg gedruckten Pilgertraktats mit dem Titel «Bruoder Claus»? Die folgenden 14 Indizien machen diese Vermutung zu einer gesicherten These:
- Am 16. Oktober 1480 unterbricht Gundelfingen die Lehrtätigkeit bis zum 13. Januar 1481, er verlässt Freiburg. Der Grund hierfür war eine dort ausgebrochene Pestepidemie. Mit ziemlicher Sicherheit benutzte er nun diesen Urlaub zu einer Schweizerreise, bei deren Gelegenheit er zudem auch den Ranft aufsuchte und dort Bruder Klaus persönlich begegnete. Nehmen wir an, Teile aus der fünften Frage des Traktats, welche u.a. die Pest zum Thema haben, seien echt, so ist der Aktualitätsbezug gegeben. Wenn Gundelfingen und Bruder Klaus sich über den Grund seines Urlaubs von Freiburg unterhielten, Gundelfingen dabei das Stichwort «Pest» nannte, so konnte nun der Einsiedler genau so fortfahren, wie es am Anfang dieser fünften Frage heisst: «Ist es möglich, wenn eine Plage in die Welt gesandt wird, die man Pestilenz nennt, dass dann ein Mensch diesem Zorn entrinnen kann?» Der Pilger hielt dies offenbar für möglich, und zwar durch Arznei oder durch Luftveränderung (d.h. Wegzug aus dem Seuchengebiet), «dies könne aber nur durch den Willen Gottes geschehen». Dass zudem die Innerschweiz für den Traktatschreiber Ausland war, zeigt der erste Satz: «Da ich was inn meiner ellendung (elend = Ausland) ...»
- Zu Beginn des Traktats heisst es also: «Da ich was inn meiner ellendung und besuochet die stett der genaden und des ablas, da kam ich und fand ein menschen, des namens was bruoder Claus (Als ich mich einmal im Ausland aufhielt und Orte der Gnade und des Ablasses aufsuchte...)» - In seiner «Historia Nicolai» zählt nun Gundelfingen sechs Wallfahrtsstätte auf: Einsiedeln, Büren (Kt. Bern), Ettiswil, Willisau, St. Wolfgang bei Zug und St. Beat bei Thun. Ziemlich sicher hat er selber den einen oder anderen Ort besucht, besonders Einsiedeln, wo sein Studienfreund Albrecht von Bonstetten Dekan war.
- Am Ende des ersten Teils unseres Traktats nimmt der Besucher Abschied und bittet Bruder Klaus, er solle für ihn beten und auch für jene, die zu diesem Besuch geraten hatten. Damit könnten seine Studienfreunde Geiler von Keisersberg und Albrecht von Bonstetten gemeint sein, die ja beide ebenfalls 1472, bzw. 1478 im Ranft waren und die Gundelfingen nun auch einen derartigen Besuch bei Bruder Klaus empfahlen.
- Bei der obigen Textgegenüberstellung des PT (Pilgertraktat) und der HN (Historia Nicolai), so wie bei der anschliessenden Auswertung konnte eine extreme Nähe der beiden Schriften zueinander festgestellt werden, was die Beschreibung des «Rades» betrifft, so dass sich eine Abhängigkeit in einer der beiden Richtungen nicht mehr von der Hand weisen lässt. Robert Durrer (Quellenwerk über Bruder Klaus, 384 und 1072, Anm. 26) plädiert dafür, dass Gundelfingen aus dem Traktat entnommen habe. Der obige Textvergleich lässt jedoch die umgekehrte Richtung als eher wahrscheinlich erscheinen. Gibt es aber noch eine dritte Möglichkeit? Die Textnähe lässt auch dies zu, nämlich, dass beidemale der gleiche Autor verantwortlich ist, also Gundelfingen. Ferdinand Rüegg (Historiker, Bischof von St. Gallen) sagt zudem gerade etwas Gegenteiliges zu R. Durrers Äusserung: Gundelfingens Beschreibungen sind selbständig, er entnimmt nicht fremden Texten, was Bruder Klaus und sein «Kreisbild» betrifft, sondern er gibt aus eigener Erinnerung wieder, also als Augenzeuge. Warum hätte er auch aus einem anonymen Traktat abschreiben sollen, wenn er ja das bewusste Gemälde ohne Zweifel selber sehen konnte? - Damit aber der Traktatschreiber von der Historia Nicolai hätte abschreiben können, hätte diese zuerst einmal vorliegen müssen. Eine vierte Möglichkeit, nämlich dass beide Schriften einen gemeinsamen Vorläufer haben, kann aus geschlossen werden, hierfür gibt es ja ohnehin nicht die geringste Spur. Also bleibt am wahrscheinlichsten: Heinrich Gundelfingen schrieb auch den Pilgertraktat. Die drei hervorstechendsten Gemeinsamkeiten seien hier nochmals erwähnt:
a) Wenn es darum geht, Ausführliches über das Thema der Gottebenbildlichkeit im Zusammenhang mit dem Gemälde wiederzugeben, weichen beide Texte aus.
b) Beide haben die gleichen drei Bezeichnungen für das Meditationsbild: buoch, rad, spiegel, resp. liber, rota, speculum; wobei beide die Bezeichnung «Buch» als von ihnen aus gesehen Fremdbegriffe einführen, derart, dass sie wahrscheinlich von Bruder Klaus selber stammen dürfte.
c) Die Ausdeutung der dritten Speiche, die aussen spitz ist, ist bei beiden gleich. Beide gehen am entsprechenden Medaillon von der Gefangennahme Jesu völlig vorbei und reden stattdessen vom kurzen Leben, das durch das Verharren in der Gottesliebe übergehen wird in ein unvergängliches Leben ewiger Freude.
- Ein gewichtiges Indiz zur Stützung der erwähnten Vermutung liefert sodann auch die Behandlung der Datierungsfrage. Beide Schriften liegen einander auch hier sehr nahe.- Die HN ist in ihrem Vorwort datiert mit 13. August 1488. Die Vorbereitungszeit dürfte aber weiter zurückreichen, wahrscheinlich bis auf 1481, also bis zur Rückkehr von der Schweizerreise. Zudem wurden Widmung und Datierung erst nachträglich hinzugefügt, wodurch zweifellos eine zeitliche Verschiebung zwischen Text und Vorwort offenkundig wird. Gundelfingen zögerte zudem lange, ob er die Historia dem Stand Unterwalden oder der Stadt Luzern widmen solle, er entschied sich dann schliesslich für Luzern. Gleichzeitig war er übrigens auch mit der Ausarbeitung des Offiziums beschäftigt, die er dann zusammen mit der Historia der Stadt Luzern dedizierte. Beides zusammen stellt eine immense Arbeit dar, die wohl längere Zeit in Anspruch nahm. - Die erste Ausgabe des PT ist undatiert, der Druck konnte aber nicht vor 1486 erfolgt sein, eine vorausgehende Handschrift existiert sehr wahrscheinlich nicht, jedenfalls nicht in gebundener Form; bisher konnte auch keine gefunden werden. 1486 ist jedoch auch nur ein mögliches Datum, neben 1487 und der ersten Hälfte von 1488, da in diesem Jahr (1488) bereits die zweite Ausgabe, die von der ersten abhängig ist, mit Datierung erscheint. - Beide Texte rücken dadurch einander zeitlich so nahe, dass keiner von beiden für den andern als Quelle in Frage kam, es sei denn, beide hätten den gleichen Verfasser gehabt.
- Der theologische Gehalt des Traktats ist eher bescheiden, was darauf hinweist, dass der Traktatschreiber kein graduierter Theologe war. Das gleiche trifft auch auf Gundelfingen zu.
- Der Traktatschreiber weist sich durch die Radskizze aus mit Kenntnissen in Mathematik. In Freiburg mussten alle ordentlichen Lehrer der Artistenfakultät, und dies war Gundelfingen seit Dezember 1476, gemäss einem Senatsprotokoll im Fach Mathematik Vorlesungen, bzw. Übungen abhalten.
- Gundelfingen war also Lehrer an der «facultats artium» (Fakultät der Freien Künste) in den Fächern Poetik und Rhetorik. Die Art, wie der Traktatautor literarische Quellen und Vorbilder vereinnahmt und nachahmt, zeigt auch auf eine solche Fachkraft hin, auf einen Literaturprofessor. Ferdinand Rüegg äussert die Vermutung, Gundelfingen hätte Details aus Lebensbeschreibungen anderer Heiliger mit dem gleichen Namen entlehnt und in seine Historia Nicolai eingeflochten. Im Pilgertraktat ist etwas Ähnliches wahrscheinlich auch der Fall, Worte des Gelehrten Nikolaus von Kues werden dem Einsiedler Niklaus von Flüe in den Mund gelegt. - Auch der Umgang mit Caesarius von Heisterbachs Legendensammlung ist bei Gundelfingen eigenartig, so erwähnt er in der HN zweimal den «dialogus Caesarii» und bringt unter diesem Namen zwei Legenden, die man jedoch in der Sammlung vergebens sucht. Im PT finden wir ebenfalls eine Legende (von der Klausnerin in Rom), die man auf den ersten Blick bei Caesarius vermuten könnte, auch diese würde man dort vergebens suchen. Offenbar verfolgt der Autor der beiden Schriften die Absicht, die Legenden des Caesarius etwas nachzuahmen. Auch hieraus kann hervorgehen, dass wir es beidemale mit dem gleichen Verfasser zu tun haben.
- Der Autor des PT kannte sich gut aus im Fach Logik, so bringt er in der zweiten Frage zur Verteidigung des Dogmas von der Unbefleckten Empfängnis Mariens ein komplexes logisches Schema. Die Logik gehört bei einem Rhetorikprofessor zum täglichen Werkzeug. An der Freiburger Universität, an der Artistenfakultät, war Logik ein Pflichtfach, behandelt wurden u.a. die sechs logischen Schriften des Aristoteles, auch bekannt unter dem Sammelnamen «organon».
- Im ganzen Schulbetrieb der Universität Freiburg waren zwei Richtungen vertreten, die Thomisten (Anhänger des Dominikaners Thomas von Aquin) und die Skotisten (Anhänger des Franziskaner Gelehrten Duns Scotus), letztere bildeten eine Minderheit, die von der andern Seite heftig bekämpft wurde. Heinrich Gundelfingen hatte also Gelegenheit beide Richtungen kennenzulernen. Doch er sympathisierte mehr mit der Minderheit und trat für deren Anliegen ein. Das passt auch gut zu unserem Traktatschreiber, der in Bezug auf Theologie und Spiritualität eine klare Neigung zum Skotismus (Theologie der Franziskaner) verrät. Und auch hier wird sodann deutlich, dass er mit der Gegenseite in nächster Nähe konfrontiert war, dies vor allem im Vermittlungsversuch, die Gegner der Unbefleckten Empfängnis (Dominikaner) mittels der aristotelischen Logik zu überzeugen.
- Im PT wird zum Thema «Kirche» kein Wort geäussert, der Autor scheint dieser Institution wenig Beachtung zu schenken. Was aber tut Gundelfingen in seiner Historia? Er betreibt hier eine vehemente Kirchenkritik; zur Zeit der Urkirche in Ägypten, so schreibt er, die ein blühendes religiöses Leben zuliess, seien die Menschen noch nicht so sehr eingeengt worden durch so viele Vorschriften, Zensuren und Fallstricke; es könne für die Vorsteher jenes Bibelwort zutreffen: Ihr legt den andern unerträgliche Lasten auf, etc. - Beide Schriften enthalten also eine Art Antiinstitutionalismus betreffend der Kirche. Auch diese Gemeinsamkeit ist ein Indiz zur Stützung der eingangs gemachten Vermutung, es könne sich nur beidemale um den gleichen Autor handeln.
- Gundelfingen nennt sich ausserdem auch «magister philosophiae». Er scheint auch eine besondere Vorliebe für die Stoiker gehabt zu haben, die er übrigens in der HN erwähnt, insbesondere in Bezug auf ihre Tugendlehre, welche Bruder Klaus in der Tat verwirklicht hätte. Im Anschluss an die eben erwähnte Kirchenkritik stützt er sich in Bezug auf das beschauliche Leben auf die Urteile und Aussprüche der Philosophen, was thematisch wohl ebenfalls auf die Stoiker gemünzt ist, etwa auf Seneca, den er übrigens namentlich erwähnt in seiner Schrift «Austriae principum chronici epitome triplex» (Dreibändige Chronik über die Herzöge von Österreich) welche er seinem Gönner Erzherzog Sigismund zueignete. - Was hat dies aber mit unserm Traktat zu tun? Gerade zum letztgenannten Stoiker, Seneca, besteht hier eine gewisse Themenverwandtschaft:
a) Der Pilger schreibt von der Vorsehung Gottes und vom Unterwerfen des Menschen unter dessen Urteilsspruch. Ähnliches finden wir auch bei Seneca, insbesondere in seiner Schrift «De providentia», wo er übrigens von einem Gott spricht und ihn «Vater» (parens) nennt,
b) Im PT wird die Verteilungsgerechtigkeit ganz einfach dargestellt, alles gehört allen, die materiellen Güter und auch die Wahrheit, also geistige Güter, der Mensch ist nur deren Verwalter. Auch Seneca vertritt diese Theorie.
c) Angesichts des Notleidens in der Welt, soll der Philosoph seine Zeit nicht vertun mit Gedankenspielereien, und auch guter Rat allein genügt nicht, er selber wird zur Hilfe aufgerufen gegenüber den Schiffbrüchigen, Gefangenen, Bedürftigen und Todgeweihten, den irrenden Seelen soll das Licht der Wahrheit gezeigt werden; keiner kann wahrhaft glücklich leben, wenn er alles nur zu seinem eigenen Nutzen anwendet, er muss auch für die andern leben, damit er überhaupt wirklich lebt. - Der Grundtenor über das Ausüben der Werke der Barmherzigkeit im PT geht diesen Gedanken Senecas sehr in die Nähe. In Bezug auf die Stoiker, insbesondere auf Seneca, befinden sich der Traktatschreiber und Gundelfingen in etwa der gleichen Gedankenwelt, beide sind vertraut mit der entsprechenden Lektüre.
- Dass der Traktatschreiber so ausdrücklich das «Buch der Natur» des Konrad von Megenberg erwähnt, kann auch ein Zeichen dafür sein, dass die Naturwissenschaft bei unserm Autor sehr beliebt war. Bei Gundelfingen trifft dies ebenfalls zu, was sein Spätwerk dokumentiert, das u.a. die Heilquellen Badens beschreibt; Conrad Gessner griff später darauf zurück und betitelte es mit «De thermis Badensibus».
- Nun bleibt noch die Frage: Warum blieb Gundelfingen als Autor des Pilgertraktats anonym im Hintergrund? Gehörte er vielleicht auch zur Bewegung der Gottesfreunde? In seinen jüngeren Jahren wohl kaum, wenn wir seine ungebundene Lebensweise und seine Verurteilung «propter deformitatem morum» (Sittenverfall) betrachten. Später erscheint dies jedoch als wahrscheinlich, er hat dann offensichtlich eine Wandlung durchgemacht - dennoch ist anzumerken, dass es sich hier nur um eine lose Bewegung und nicht um einen organisierten Verband handelte. Seine Kritik an der Amtskirche steht dem nicht im Wege, die Gottesfreunde sahen sich meist in einer ähnlichen Situation und emigrierten immer mehr aus der sichtbaren, iuridischen Kirche in die Verinnerlichung eines freien religiösen Lebens. Bestimmt kannte Gundelfingen ohnehin die eine oder andere Schrift dieser Bewegung und war dann wohl auch etwas vertraut mit dem Phänomen der anonymen, bzw. pseudonymen Verfasserschaft. Für ein heimliches Dazugehören zu den Gottesfreunden kann auch sein abrupter Wegzug aus dem Universitätsleben in die Abgeschiedenheit Waldkirchs ein Zeichen setzen. Diese plötzliche Weltflucht muss nun keineswegs unerklärlich sein, die Anregung hierfür konnte er einige Jahre früher bei seinem Besuch des Einsiedlers Niklaus empfangen haben. Der Traktat und darin besonders der erste Teil, das Gespräch mit Bruder Klaus, könnte hier für ein gutes Dokument sein - vor allem die erste Frage, in welcher eindrücklich von der Gottesliebe gesprochen wird, derart, dass Bruder Klaus dem Besucher einen «würdigen Namen» verleiht, den dieser dann aber mit einem Hinweis auf seine Sündhaftigkeit zurückweist.
Auf Grund des 14-Punkte-Index wird jetzt vieles klar, mit ziemlich grosser Sicherheit kann nun gesagt werden:
Der Autor des Pilgertraktats ist Heinrich Gundelfingen.
Autor: Werner T. Huber, Dr. theol.
Mehr zur ganzen Thematik erfahren Sie in der Studie: Werner T. Huber - Der göttliche Spiegel - Zur Geschichte und Theologie des ältesten Druckwerks über Bruder Klaus und sein Meditationsbild, Bern 1981 (Europ. Hochschulschriften 23/164). |
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