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No. 10 Oktober 2006
 
 

DIE NEUE RELIGIOSITÄT

Es ist wichtig, dass ihr ganz leer seid

Christiane und Peter Sauber auf der Alp Älggi bei Sachseln
Blick aus der Klause von Bruder Klaus.

Eine Clinch-Wallfahrt nach Einsiedeln, Worship und Adoration in einer Kapelle in der Stadt, ein stilles Gebet im Ranft: Das Religiöse lebt. Von Christoph Fellmann (Text) und Stefano Schröter (Bilder).

Es regnet im Ranft. Herr, wir bitten dich, erhöre uns. 40 Menschen sitzen in den Bänken der Kirche, sie stehen und singen, knien und beten. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe. Durch die Tür hört man die Schafe und den Regen. Erhebet die Herzen. Wir haben sie beim Herrn.

Das ist würdig und recht. Amen.

Bei Bruder Klausens Klause werden sie ein Kerzchen anzünden. Es ist der 17. September, eidg. Buss- und Bettag. Wäre das Wetter besser, hat der Wirt im Restaurant gesagt, wäre der ganze Ranft voller Leute. Volle Parkplätze und Stossverkehr auf den Terrassen und im Souvenirshop. Und so viele Kerzchen, dass man sie im ganzen Sonnenschein gar nicht bemerken würde.

Oben, im Dorf, im Saal des «Via cordis»-Hauses der St.-Dorothea-Schwestern, steht eine einzelne, dicke, gezackte Kerze und um sie herum ein Kreis von fast 30 Menschen. «Verbinden wir uns», sagt die Kursleiterin, und es reichen sich alle die Hand. Sie heben die Arme und verkleinern den Kreis. Sie schreiten nach rechts und knicken ein Bein nach links. Meditatives Tanzen nach einem griechischen Gebet:

Gib mir einen Namen, damit ich mich nicht verliere.
Gib mir ein Kind, damit ich wieder Kind werde.
Gib mir am Morgen eine Melodie, die mir hilft zu sagen: Es lohnt sich, dieses Leben zu leben.

Sie schreiten nach rechts, knicken ein Bein nach links, heben wieder die Arme und verkleinern den Kreis. Sie suchen die Mitte. Der innere Frieden kommt nicht einfach so, hat Schwester Rita im Büro beim Interview gesagt.

Autonom vor Gott.

«Wir machen keine Wellness-Angebote», sagt Priska Knüsel-Glanzmann, die Leiterin des «Via cordis»-Hauses in Flüeli-Ranft. «Es geht nicht darum, dass sich die Menschen um sich selber drehen. Es geht auch um eine Befruchtung der christlichen Tradition.» Das meditative Tanzen sei ein typisches Beispiel dafür, wie die Menschen des 21. Jahrhunderts Wege suchen, in die Stille, zur eigenen Mitte und dort zu Gott zu finden. «Via cordis», der Weg des Herzens: Der Inhalt ist christlich, die Methoden sind global. Das ökumenische Haus bietet Kurse für Segensrituale und Kontemplation an, für Beten, Fasten und Atmen, Ikonen und Mandala malen, Taiji quan und Meditation, Tänze zum Frühlings- und Sommeranfang, Feng Shui, mantrisches Singen und die Traumanalyse. Die Ausbildung zum Meditationslehrer dauert zehn Jahre. 80 Personen haben sich in diesem Jahr dafür angemeldet. Die Kunden sind Konfessionslose, Gläubige, zum Buddhismus konvertierte Christen, in deren Innern dann doch immer wieder das «Kyrie» erklingt. Suchende. Viele Menschen haben in der Pfarrei keine Heimat, hat Schwester Rita gesagt.

Mit dem katholischen Milieu ist bis 1990 auch der gesellschaftliche Druck zusammengebrochen, zur Kirche zu gehören. Der Anteil der Konfessionslosen ist bis 2000 gesamtschweizerisch auf 11 Prozent gestiegen. Noch schlimmer ist für die Kirchen der Befund des Bundesamtes für Statistik im Bericht «Religionslandschaft in der Schweiz» aus dem Jahr 2004: Bei den Protestanten wie bei den Katholiken fühle sich eine Mehrheit mit keiner lokalen Gemeinschaft oder Pfarrei verbunden. Nur rund ein Viertel der Christen in der Schweiz gab in der letzten Volkszählung an, «regelmässig» an religiösen Veranstaltungen teilzunehmen.

Die Religion ist privatisiert, jeder glaubt, was ihm gefällt. Die Gläubigen samplen den Glauben aus dem globalen Angebot: Patchwork-Religion hat man das genannt, und auch in Flüeli-Ranft, diesem Innerschweizer Wallfahrtsort schlechthin, tummelt sich eine vielfach zersplitterte Glaubensgemeinde: Traditionalisten und Friedensbewegte, der progressive katholische Frauenbund und die Jungscharen, die Freikirchler und Konfessionslosen. Fast scheint es, die aus dem Geiste von 1968 geborene Independent-Kultur sei in der Kirche angekommen: jedem und jeder sein Ding. Mit dem Outlaw-Pfarrer Szabo von unten gegen die Macht des Kirchenestablishments oben. Glaube und Liberalismus versöhnt: Sogar der freisinnige Bundesrat Pascal Couchepin sagte im «Magazin», das Leben sei interessanter, wenn man glaubt. Jedoch fühle er sich frei gegenüber der Religion und «autonom vor Gott».

Eine Verallgemeinerung.

Wie breit der Markt für religiöse Angebote mittlerweile geworden ist, zeigt die Karte, die das religionswissenschaftliche Seminar der Universität Luzern veröffentlicht hat: Auch im Kanton Luzern existieren zahlreiche Gruppen, von denen die wenigsten schon gehört haben dürften: Baha’i, die Brahma Kumaris Gita Schule, der Chua Phat To Thich Ca Tempel, der Chalice Kreis, das Nalanda-Zentrum, die Sathya Sai Baba Gruppe, die Schiitische Gemeinschaft oder die tibetisch-buddhistische Frauengruppe. Importierte Religionen, aber auch christliche Splittergruppen und Frei-kirchen sind in der ganzen Innerschweiz vertreten. Ihre Grösse und ihr Einfluss wird allerdings weit überschätzt. Die Zahl der Freikirchler (gesamtschweizerisch: 2,5 Prozent) wie jene der Muslime (4,2 Prozent) zum Beispiel ist deutlich kleiner als die der Konfessionslosen.

Die wichtigste Veränderung der Religionslandschaft können die Zahlen nicht einfangen: Den Boom nämlich eines allgemeinen Glaubens zwischen christlicher Überlieferung, Ethno-Religion und Esoterik, der bei jedem Einzelnen wieder anders diffus ist. Die Zugehörigkeit zu einer der traditionellen Landeskirchen spielt dabei schon lange keine Rolle mehr. «Das Bekenntnis einer Person zu einer Kirche oder einer anderen religiösen Gemeinschaft zeugt weder von der exklusiven Loyalität gegenüber dieser Gruppierung noch davon, dass deren Glaubensinhalte bekannt sind und gelebt werden», schreibt das Bundesamt für Statistik. Sprich: Dass eine grosse Mehrzahl der Innerschweizer brav die katholische Kirchensteuer bezahlt, heisst noch nicht, dass all diese Leute auch tatsächlich religiös sind. Martin Baumann, Leiter des religionswissenschaftlichen Seminars der Uni Luzern, geht noch weiter: «Viele Pfarreien funktionieren gerade in der Innerschweiz noch gut. Man ministriert, singt im Chor, leistet Gemeindearbeit. Dies darum, weil diese Arbeit basisdemokratisch organisiert ist und weil die Leute mit ihrer Gemeinde etwas Fassbares verbinden können. Nur: Wer weiss schon, wie fromm das alles ist?»

Christiane und Peter Sauber auf der Alp Älggi bei Sachseln

Christiane und Peter Sauber auf der Alp Älggi bei Sachseln


Eidg. Buss- und Bettag, 17. September 2006, Flüeli-Ranft.

Der Lausanner Religionssoziologe Roland J. Campiche glaubt, dass die Leute in der Kirche mittlerweile vor allem ein NGO sehen, eine Nichtregierungsorganisation, die sich für Soziales und den Weltfrieden einsetze: Für sie ist Mutter Teresa wichtiger als der Papst – und durchaus ein Grund, nicht aus der Kirche auszutreten. Umgekehrt schreibt Campiche in seinem Buch «Die zwei Gesichter der Religion» aber auch: «Sich als keiner Religion zugehörig zu deklarieren bedeutet nicht, religionslos zu sein.»

In einer Befragung haben Campiches Mitarbeiter herausgefunden, dass 90 Prozent der Bevölkerung beten, 38 Prozent jeden Tag. Campiche beschreibt die Religiosität des neuen Jahrtausends als «Dualisierung der Religion»: Neben der institutionellen Kirche sei der Glauben zwar privatisiert und individualisiert. Er sei aber auch durch universelle Standards grundiert: Die Anerkennung der Existenz einer höheren Macht, die Auffassung von Religion als Privatsache, die Akzeptanz des Gebets als Ausdruck der Spiritualität des Einzelnen sowie die Berufung auf die Menschenrechte. Campiche: «Die vom Einzelnen gewählte Religiosität unterliegt der standardisierenden Wirkung des Marktes.»

Und: «Im Westen besteht die eigentliche religiöse Herausforderung nicht darin, die Wahrheit zu etablieren, vielmehr darin, im Hinblick auf Selbstverwirklichung und Geselligkeit für eine Spiritualität – um nicht zu sagen für eine Religion – zu optieren.»

Christiane und Peter Sauber auf der Alp Älggi bei Sachseln
90 Prozent der Bevölkerung beten.

So surfen auch in unserer Region mittlerweile eine grosse Zahl von Borderline-Katholiken zwischen Kirchenfolklore, Volksglauben, persönlicher Spiritualität, Mystizismus, Versatzstücken aus Naturreligionen und Buddhismus. Kompatibel ist fast alles, abgelehnt wird nur der Islam. Unter diesen Borderlinern sind Konfessionslose wie Gläubige; aber auch jene, die der Zuger Autor Thomas Hürlimann die «Kulturkatholiken» genannt hat: Jene nämlich, die sich als Innerschweizer durch und durch katholisch imprägniert wissen, ohne deswegen gleich gläubig sein zu müssen.

   

Pilger wie aus dem Buche.

Im Besucherzimmer 11 des Klosters Einsiedeln nimmt der ehemalige Physiklehrer von Thomas Hürlimann die Brille ab und legt sie auf den schweren Holztisch. «Sie müssen verstehen», sagt Pater Kassian: «Viele, die aus der Kirche ausgetreten sind, sind im Herzen die besseren Katholiken als die Zurückgebliebenen.» Er sage dies, weil er jetzt 77 Jahre alt sei und über eine Lebenserfahrung verfüge, und er könne dies auch bestätigen, betreue er doch das «Goldene Ohr» des Klosters. Da hinein sprechen Leute, die mit der Kirche Mühe haben, und sie sprechen, wie Pater Kassian bestätigt, oft recht deutlich.

Dann erzählt der Pater und Physiker von einer Pilgerin, die ihn eines morgens aufsuchte. «Sie war unterwegs auf dem Jakobsweg und wollte einen Priester sprechen. Sie hatte alles hinter sich gelassen, wusste nicht, was in ihrem Leben noch zu tun war und war also aufgebrochen: Eine Pilgerin wie im Buche, aber sie war vor langer Zeit aus der Kirche ausgetreten.» Pater Kassian nimmt die Brille vom Tisch, setzt sie sich auf und beugt sich etwas vor: «Ich sage Ihnen: Das gibt es, das ist echt.» Fährt fort. «Kennen Sie die Heiligen? Sehen Sie, jede und jeder ist ganz anders. Das ist das Schöne am Christentum. Es gibt kein Pflichtprogramm. Lesen Sie die Bergpredigt, da steht es. Es ist Blödsinn, wenn die Kirche sagt, mach du zuerst dein Pflichtprogramm, dann gehörst du dazu. Es ist in Ordnung, wenn jemand nur ein bisschen mitmacht. Dazugehören will, aber nicht ganz. In der Offenbarung steht: Dem Sieger will ich einen weissen Stein geben, auf dem ein Name steht, den niemand kennt als der Empfänger.

Verstehen Sie? Jeder macht seinen Weg.»

Wallfahrt im Kleinwagen.

Es sind jeden Tag rund 20 Pilger, die, unterwegs auf dem Jakobsweg, in Einsiedeln an der Klosterpforte den Etappenstempel holen. Eine Zahl, die in den letzten Jahren enorm gestiegen ist. Auch im Flüeli-Ranft ist die Zahl der Wallfahrer auch im Vergleich zu jenen Jahren nicht gesunken, als der Katholizismus noch in Amt und Würden stand, die Kirchen voll waren und die Klöster Nachwuchs hatten. Statt der 300-köpfigen Gruppen, die damals organisiert aus einer Pfarrei im Car anreisten und singend und rosenkranzend zu Bruder Klaus in den Ranft hinabstiegen, kurven heute Einzelne, Paare, Familien in ihren benzinsparenden Kleinwagen die Kurven ab Sachseln hinauf.

Die Wallfahrten sind heute freiwilliger, persönlicher, hat Schwester Rita gesagt. Ja, und ich würde auch sagen: echter.

Die Tatsache, dass die Religiosität, obwohl nun schon seit geraumer Zeit freiwillig, nicht verschwunden ist, lässt nicht nur Kirchenkreise hocherfreut das «Comeback des Religiösen» ausrufen. Auch Soziologen und Theologen haben der «Entsäkularisierung» das Wort geredet, der «Rückkehr der Religion» oder der «Respiritualisierung». Weil das Religiöse gar nie verschwunden sei, widersprechen diesen Thesen allerdings ebenso viele Wissenschafter (siehe auch Interview mit Gaetano Romano auf Seiten 12-13).

Eindeutig aber gibt es immer mehr Indizien für ein gesteigertes Interesse am Religiösen – in den Medien, aber zum Beispiel auch in der Kunst: Die «NZZ am Sonntag» widmete dem Comeback der Religion in der Kunst unlängst einen grossen Artikel, und aktuelle Ausstellungen in Ittingen, Thun und demnächst in Lenzburg bestätigen den Befund. Im Theater wurde Lukas Bärfuss’ «Der Bus», das deutlich die Glaubensfrage stellt, vor einem Jahr im deutschsprachigen Raum zum «Stück des Jahres» gewählt. In der Musik hat sich der mystische Thrill des Katholischen längst etabliert: Choräle verkaufen sich blendend, und auch ein progressives Festival wie die Stanser Musiktage kombinieren die Exotik entlegener Weltmusik immer wieder gern mit der Exotik des leerstehenden Kapuzinerklosters.

Eine Religion der Highlights.

«Die individuelle Religiosität und Spiritualität löst momentan den Psychologiekult ab.» Das sagt Christian Rutishauser, Leiter des Bildungsbereichs im Lassalle-Haus Bad Schönbrunn im Kanton Zug. «Alles wird spirituell.» Diese Spiritualität sei durchaus neu, und sie lasse die übliche Kirchenkritik um Zölibat oder die Priesterweihe für Frauen einfach links liegen: «Für viele junge Gläubige sind das reine Organisationsfragen, an denen sie locker vorbeigehen. Sie sagen: Streitet ihr, ich suche meine Gotteserfahrung.» Das Folkloristische des alten Katholizismus werde verschwinden, glaubt Rutishauser, der «Katholik der Zukunft» seinen Glauben wieder in der persönlichen Erfahrung verwurzeln. Der Bruch einer immer grösseren Zahl von Gläubigen mit der Kirchenstruktur ist damit wohl unumkehrbar.

Auch Martin Baumann vom religionswissenschaftlichen Institut der Uni Luzern glaubt nicht an ein Comeback der institutionellen Kirche. «Die wird gerade auch von jungen Leuten negativ eingestuft.» Die religiösen Angebote seien nie weg gewesen, sagt Baumann, neu sei aber, dass die Religion im Lifestyle zurück sei. «Spirituelles Interesse ist wieder schick.» Ja: «Es ist nicht mehr angesagt, ganz ohne Spiritualität auszukommen.» Auch Roland J. Campiche schreibt: «Dass die Indikatoren der traditionellen Religiosität: Kirchgang, Bindung an eine religiöse Gemeinschaft, Hauptbezug auf das Christentum, eine kleinere Rolle spielen, kündigt nicht das Ende dieser Religiosität an, vielmehr deren Entfaltung in zwei entgegengesetzte Richtungen, die für zwei gegensätzliche Trends stehen: Widerstand gegen die Anpassung einerseits und Neigung zur Erneuerung im Gleichklang mit der aktuellen Kultur andererseits.»

Nur natürlich also, dass die neuen Formen der Religiosität den Lifestyle des 21. Jahrhunderts widerspiegeln, den «Gleichklang» mit der neuen Zeit suchen. Mit einer «Nacht der Nächte» versuchten die Kirchen der Stadt Luzern vergangene Ostern an die Clubkultur anzudocken: Sie führten das 400-köpfige Publikum (ausverkauft!) über einen Stationenweg mit Rock und Blues. Die Coolness des lässigen Glaubenssamplings ist dabei nur die eine Seite. Die Cozyness vieler neuer Angebote ist die andere: die Behaglichkeit einer eigenen, alten Tradition (siehe auch «Neue Volksmusik»), die Behaglichkeit des katholischen Budenzaubers, wie er gegenwärtig auch von den Reformierten wiederentdeckt wird; die Behaglichkeit aber auch des Gotteskindes in Mutter Marias Armen: «Die Marienverehrung, wie sie sich gerade auch in Einsiedeln immer stärker zeigt, hat keine gewichtigen theologischen Gründe», hatte Pater Kassian in Einsiedeln gesagt. «Sie hat emotionale Gründe. Wissen Sie, der Bauch ist wichtig in der Religion.»

Die religiösen Angebote haben heute nicht nur individuell massgeschneidert zu sein, sie sollen auch starke emotionale Erlebnisse ermöglichen. Das sonntägliche Aussitzen einer Standardpredigt gehört da nicht dazu, durchaus aber eine Wallfahrt nach Einsiedeln mit dem Salve regina und abschliessender Beichte, der Ausflug in den Ranft an einem prächtigen Herbsttag, die Teilnahme an einem Gottesdienst des icf auf dem Zürcher Maag-Areal (mit späterem Download der Predigt), das Trauern um den toten Papst oder das wochenlange Marschieren auf dem Jakobsweg. Es ist dies eine religiöse Kultur nicht des Alltags, sondern des Highlights.

Flüeli-Ranft oder Einsiedeln sind solche religiösen Big Spots der Zentralschweiz, in denen sich die Religiosität ungebrochen zeigt, während rundum die Kirchen leer bleiben. Seit in Einsiedeln Abt Martin Werlen im Amt ist, ist zu beobachten, wie an diesem Ort eines wuchtig-konservativen Katholizismus wenn nicht neue Inhalte, so doch neue Formen ausprobiert werden. Um mit Kirchenkritikern ins Gespräch zu kommen, installierte Werlen das «Goldene Ohr» oder die «Clinch-Wallfahrten». Er lud den Dalai Lama nach Einsiedeln ein, holte den CEO des Chemiekonzerns Novartis in den Kloster-Beirat und zeigt sich immer wieder als zeitaktueller und äusserst mediengewandter Mann, der sich den Medien einst auf einem Kickboard präsentierte. «Er hat ein sehr grosses Talent, auf eine strikt gelebte römisch-katholische Religiosität aufmerksam zu machen», sagt Martin Baumann an der Uni Luzern.

Worship und Adoration.

Die junge Generation scheint die religiöse Cozyness vermehrt aber auch wieder in der Gruppe zu suchen – auch wenn, wie in Zug, die gute alte Gebetsgruppe jetzt «Prayer Point» heisst. «Wenn jeder sein eigenes religiöses Süppchen kocht, funktioniert Glauben eben auch nicht», sagt Christian Rutishauser. Es war schon immer das Geheimnis einer Jugendkultur, dass sich die Jungen innerhalb einer Gruppe individuell (und individuell wahrgenommen) vorkommen.

Christiane und Peter Sauber auf der Alp Älggi bei Sachseln

Christiane und Peter Sauber auf der Alp Älggi bei Sachseln

   
Meditatives Tanzen im «Via cordis»-Haus in Flüeli-Ranft.

So versammeln sich in Luzern jeden Sonntagabend junge Gläubige der Adoray-Bewegung in der Leonhardkapelle bei der Hofkirche zu, wie der Flyer verspricht, «Worship, Praisure, Adoration, Input, Community» und, natürlich, «Fun». Auch die Homepage weiss die Jugendlichen bei einem ihrer vordersten Anliegen zu packen: «Wie oft bist du schon aus einem Club gekommen, ohne jemanden kennengelernt zu haben? Bei uns ist Kennenlernen Programm.» Und: «Wir haben zum ersten Mal alle Freiheiten der Welt und fühlen uns deshalb von der Kirche nicht eingeengt, da wir uns freiwillig für oder gegen alles entscheiden können.» Die Kirche als Multioptionsgesellschaft im Kleinen (oder Grossen). Kirche ist cool: «Gehörst du noch zu denen, die nur in Clubs gehen und nicht in die Kirche?» Und Kirche ist cozy: «Du wirst weinen können.»

Überhaupt scheint der Zugang der Nach-Achtundsechziger zur Kirche ein unbefangener zu sein. Die ideologische Blockade gegen alles tradierte Religiöse ist eingerissen. So steigt zum Beispiel an der Uni Luzern das Interesse an Vorlesungen und Seminaren mit religiösem Inhalt ebenso wie an den Luzerner Kantonsschulen: Im letzten Schuljahr schrieben acht Prozent aller Kantonsschülerinnen und -schüler ihre Maturaarbeit im Fach «Religionskunde und Ethik». Auf einem freien Markt von 22 wählbaren Fächern lag dieses Fach damit auf Platz 8. «Der Bedarf nach ethisch-religiöser Orientierung ist heute grösser denn je. Jugendliche brauchen dringend einen Ort der Reflexion über religiöse und ethische Fragen, um sich heute im unübersichtlichen Dschungel religiöser Weltanschauungen jenseits der Verlockungen des Fundamentalismus noch orientieren zu können», hielten die Religionslehrer dazu fest.

Arche was?

Die Tür, die zu den neuen Kirchenhappenings führt, ist weit offen. «Es braucht von deiner Seite nicht mal Interesse an der Kirche», schreibt die Adoray-Bewegung auf ihrer Homepage. Weder nötig noch vorhanden ist auch ein religiöses Wissen: Wo Roland J. Campiche von der «Unleserlichkeit» der tradierten Kirchen spricht, ist doch vielmehr ein weit verbreiteter religiöser Analphabetismus zu konstatieren. «1968 brachte zwar nicht das Ende der spirituellen Suche, doch war nicht mehr der Buchstabe entscheidend, sondern das Gefühl. Über die nächsten Generationen hat sich das religiöse Wissen aufgelöst, die Grundtexte sind vollkommen unbekannt, ebenso die Gebete oder die grundlegenden Fragestellungen.» Religionslehrer und Kirchenleute berichten es immer wieder: Zehnjährige wissen nicht, was Ostern ist. Was die Arche Noah.

Christiane und Peter Sauber auf der Alp Älggi bei Sachseln

Christiane und Peter Sauber auf der Alp Älggi bei Sachseln


Gottesdienst in der Ranftkirche.

Nicht nur Kirchenleute sehen darin eine Gefahr. Einerseits, weil damit in unserer Region ein kulturelles Erbe unlesbar wird, das über Jahrhunderte prägend war. Andererseits werde das Religiöse damit ein Stück weit auch ins Romantische, ja Kitschige abgedrängt, so Christian Rutishauser. Die Religion droht ins pure Brimborium, ja, in einen voraufgeklärten Zustand zurückzukehren. «Es gibt die Sehnsucht nach einem wunderschönen, verzaubernden Erlebnis», sagt Rutishauser: «Das ist legitim, solange es nicht dazu dient, sich der Komplexität der Fragen zu verweigern.» Analphabeten sind verführbar, Christian Rutishauser hat es gesehen: «Man kann ihnen das Primitivste vorsetzen, und sie schlucken es. Das ist katastrophal. Das Comeback des Religiösen sollte nicht hinter die Aufklärung zurückgehen.»

Im Stadion.

Und so gibts im neuen religiösen Supermarkt das Christentum auch gern im Doppelpack mit Reinkarnation. Easy, wenns gefällt. Im Flüeli-Ranft aber ereifert sich Schwester Rita: «Ja, die Jungen haben einen unverstellten Blick auf die Religion. Wissen Sie warum? Weil sie nichts wissen.» «Christus erkennt man im Alltag, nicht in der Masse», sagt sie. «Diese Happenings, das ist religiöse Sehnsucht. Aber es ist auch Mitläufertum. Wie Fussball.»

Nebenan heben sie die Arme und verkleinern den Kreis. «Es ist wichtig, dass ihr ganz leer seid», hat die Kursleiterin gesagt. Sie schreiten nach rechts und knicken ein Bein nach links.

Gib mir einen Namen, damit ich mich nicht verliere. In der Ranftkirche ist der Gottesdienst vorbei. Es brennen einige Kerzen. Niemand ist da. Nur eine alte Frau sitzt in den Bänken und betet.

Das ist würdig und recht.

Text: Christoph Fellmann; Bilder: Stefano Schröter


Weiterlesen

  • Religionswissenschaftliches Seminar der Universität Luzern: Religionsvielfalt im Kanton Luzern (Faltprospekt mit Karte und Begleittext)
  • Martin Baumann, Samuel M. Behloul: Religiöser Pluralismus. Empirische Studien und analytische Perspektiven (Transcript)
  • Bundesamt für Statistik: Religionslandschaft in der Schweiz
  • Roland J. Campiche: Die zwei Gesichter der Religion. Faszination und Entzauberung Theologischer Verlag Zürich)
  • Stapferhaus Lenzburg (Hg.): Glaubenssache. Religion à la carte (Beiträge u.a. von Navid Kermani, Klara Obermüller, Hubert Knoblauch, Jörg Stolz; Verlag Hier und Jetzt)
  • Richard Rorty / Gianni Vattimo: Die Zukunft der Religion (Suhrkamp)

 

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