Sachseln Flüeli-Ranft Tourismus, Aelggi Alp
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12/06
 
 

OBWALDEN, DIE VERKANNTE MITTE DER SCHWEIZ

Flüeli Ranft OW

Kleiner Kanton mit grossen Ambitionen

Natürlich weiss jedes Kind, wo Obwalden liegt - in der Innerschweiz halt, hinter Luzern; am Brünig, und, logisch, neben Nidwalden. Und viele Erwachsene im, Land haben schnell eine Meinung über Obwalden zur Hand: Provinz, Bergkanton, schöne Landschaft, konservativ und neuerdings ein Steuerparadies Natürlich ist Obwalden viel mehr – der kleine Kanton ist mit grossen Schritten auf dem Weg in die Zukunft.

Flüeli OW. Geburts- und Heimatort von Niklaus von Flüe mit dem Wohnhaus der Familie von Flüe, das heute als Museum dient. Die Kapelle der Gemeinde steht prominent vor dem Höch Dossen und dem Arnigrat (rechts). Der Ranft von Bruder Klaus befindet sich in einer Schlucht zwischen Kapelle und Berg.

Flüeli OW. Lieu de naissance et d'origine de Nicolas de Flüe ainsi que la maison d'habitation de la famille de Flüe, qui abrite aujourd'hui un musee. La chapelle de la commune est en position dominante devant le Höch Dossen et l'Arnigrat (à droite). L'ermitage du Frere Nicolas se trouve dans une gorge entre la chapelle et la montagne.

Flüeli OW. Birthplace and hometown of Niklaus von Flüe. The von Flüe family home has now been turned into a museum. The local chapel enjoys a prominent location in front of Höch Dossen and the Arnigrat (right). Ranft, Brother Klaus' retreat, is situated in a gorge between chapel and mountain.

VON HANNS FUCHS (TEXT) und Roland Gerth (Bilder)

Es gibt viele Wege nach Obwalden.

Einer der spektakulärsten führt von Norden aus dem Luzerner Eigental über die Nidwaldner und Luzerner Pilatus-Alpen hinauf auf den flachen Grenzgrat der Felli und dann ein paar wenige Schritte hinunter zur Alp Feld, genau auf der 1700-Meter-Höhenkurve. Der Blick ist überwältigend. Die Innerschweizer Kalkalpen, die Gletscherkuppe des Titlis, die Top-Gipfel der Berner Hochalpen und die mit Wald bestockten Hügel der Pilatuskette bilden den Horizont. Davor breitet sich das 3arneraatal aus mit dem Sarnersee als glitterndes Juwel und dem grünen Bauernland in seinen Ufern. Keine Strasse führt zur Alp Feld hinauf und weder Strom- noch Telefonleitung verknüpfen die gepflegte Hütte mit dem Tal. Hier oben hat man den Eindruck, st Obwalden geblieben, was es einst war - Innerschweizer Bauernland, heile Welt fernab vom hektischen Getriebe im Rest der Welt.

Steuerhölle oder Steuerparadies?

Ein anderer Zugang zu Obwalden erschliesst ich aus einem Schriftstück, das derzeit beim Schweizerischen Bundesgericht in Lausanne liegt. Es ist eine staatsrechtliche Beschwerde, die von der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz initiiert und von zwei Obwaldner Bürgern eingereicht worden ist. Darin heisst s: «Steuerpflichtige, die wie die Beschwerdeführer über ein geringeres Einkommen bzw. Vermögen verfügen, werden ... in verfassungsrechtlich unzulässiger Weise benachteiligt.» Im Klartext bedeutet das: Der Kanton Obwalden verstösst gegen die Bundesverfassung. Oder, wie es ein Wirtschaftsredaktor der schweizerischen Boulevardzeitung zugespitzt hat: «Obwalden schadet der Heimat!» aus dieser Optik erscheint Obwalden als unsolidarisches Mitglied im Bundesstaat, als Kleinkanton, der aus purem Eigennutz und vorsätzlich gegen das Gerechtigkeitsgebot der Schweizerischen Bundesverfassung verstösst. Dabei hatten die Obwaldner nichts anderes getan, als mit einer überwiegenden Mehrheit von 86 Prozent ein Steuergesetz mit «degressivem» Tarif und tiefem Gewinnsteuersatz für Firmen einzuführen. Das war im Spätherbst 2005. Im Winter 06 stand der kleine Kanton im Sperrfeuer von Medien und Politik. Die Aufregung hat sich inzwischen gelegt. Und wenn nicht noch ein Veto aus dem Bundesgericht kommt, wird aus der Steuerhölle Obwalden ein Steuerparadies und ein Global Player im Standort-Wettbewerb. In aktuellen Rankings liegt Obwalden mit seiner Unternehmenssteuerbelastung jetzt günstiger als die für Firmenansiedlungen bevorzugten Standorte Zug und Dublin.

Ranft.

Ranft. 19 Jahre lang lebte Bruder Klaus in seiner Klause in der Schlucht bei Flüeli ohne zu essen und zu trinken. Er wurde bereits zu Lebzeiten als Heiliger verehrt und sein Rat war über die Landesgrenzen hinaus geschätzt.

L'ermitage. Pendant 19 ans le Fräre Nicolas vivait dans une gorge pres de Flüeli sans manger ni boire. II füt vönörö en tant que Saint döjä de sont vivant et ses conseils ötaient appröciös au-delä des frontieres nationales.

Ranft. Brother Klaus spent 19 years in his cell in the gorge near Flüeli without eating or drinking. He was admired as a holy man even in his own lifetime, and his advice was sought from beyond the boundaries of the province.

   
Auf der Burg im Landenberg

Auf der Burg im Landenberg herrschte der habsburgische Landvogt, bis er im Jahre 1291 von den Eidgenossen verjagt worden ist. Von der Burg ist praktisch nichts übrig geblieben; seit dem 17. Jahrhundert stehen dort ein Zeughaus und ein Schützenhaus, welche heute kulturellen Zwecken dienen.

II ne reste pratiquement plus rien de cette fortification. Depuis le 17< siede, ce lieu est occupü par un arsenal et par la maison d'une societe de tir, qui sont aujourd'hui utilisös ä des fins culturelles.

The Habsburg "Landvogt" reigned in their Landenberg castle until they were chased away by the Swiss in the year 1291. Today, virtually nothing remains of the castle. An armoury and rifle club house have stood there since the 17th century, and the building is now used for cultural purposes.

   
Familienferien

Familienferien und Jugendlager sind auf der MelchseeFrutt gut aufgehoben. Die naturbelassene Gegend bietet vor allem auch für den sanften Tourismus sehr schöne Möglichkeiten.

Les vacanciers en famille et les camps de jeunes sont bien loges sur la Melchsee-Frutt. Cette rögion ä I'ötat naturel offre de belles possibilitös surtout aux touristes respectueux de l'environnement.

Family holidays and youth camps are ideally situated at lake Melchsee-Frutt. The well-preserved natural surroundings are full of possibilities, especially for ecological tourism.

   
Gletscherberg Titlis

Gletscherberg Titlis. Japanische und indische Touristen kennen in der Schweiz oft nur dieses Ziel. Und die Engelberger haben sich eingerichtet, mit der Beschriftung, dem indischen Touristenführer und dem <indischen» Hotel.

Le glacier du Titlis represente le seul but d'excursion que la plupart des touristes japonais et indiens connaissent en Suisse. Et les habitants d'Engelberg ont repondu ä leurs besoins par l'application d'inscriptions Jans ces deux langues, par la publication d'un guide touristique indien et par l'ouverture d'un hötel indien.

The glacier mountain of Titlis. This is offen the only Swiss destination known to Japanese and Indian tourists. And the Engelberg locals are ready for them, with their signs for Indian tourist guides and their Indian" hotel.

   

Beneidenswert vielseitig

Eine dritte Möglichkeit, sich dem Kleinkanton zwischen Brünig und Pilatus anzunähern, bietet die Nasa. Als die US-Raumfahrtbehörde ihr Marsmobil «Mars Pathfinder» ferngesteuert über den Roten Planeten rollen liess, surrten elf High-Tech-Motoren mit einem Durchmesser von je winzigen 16 Millimetern im Aufklärungsroboter. Hersteller der elektronischen Wunderdinger war die Maxon AG in Sachseln, Obwaldens grösster Arbeitgeber und eine der internationalsten Firmen der Schweiz. 80 Prozent des Unternehmensumsatzes werden im Ausland erwirtschaftet. Maxon AG ist zwar ein Leuchtturm in der Obwaldner Unternehmenslandschaft, aber kein exotischer. Im Sarneraatal hat sich ein eigentlicher High-Tech-Cluster herausgebildet. Leistet produziert Heissluft-Schweissgeräte und hat sich auf dem Markt für Laser- und Mikrosysteme einen Namen gemacht. In Alpnach ist ein Kompetenzzentrum für Mikro- und Nanosystemtechnologie entstanden. Sarna hat in der Kunststoffbranche Massstäbe gesetzt. Dazu kommen leistungsfähige Unternehmen in traditionellen Branchen: bio-familia gehört zu den führenden Firmen im Nischenmarkt von Bio Fertigprodukten. Holzbau Lungern, Alpnach Normschrank, Felstechnik Lungern sind weitere über die Region hinaus bekannte Obwaldner Firmen. Der Kanton zeigt heute einen Branchenmix, um den ihn viele Mittellandregionen beneiden. Und was nun, bitte schön, ist Obwalden: Die schöne, aber etwas rückständige Idylle auf der Alp Feld? Der innovative, rücksichtslose Global Player im Standortwettbewerb? Der zukunftsfähige Werkplatz für raumfahrttaugliche High-Tech-Produkte? Obwalden ist von all dem etwas - und damit ein getreues Abbild der Schweiz.

Die ausbalancierte Schweiz

Obwalden liegt ja auch mitten drin im Schweizerland. Und in Obwalden liegt der geografische Mittelpunkt der Schweiz: Es ist ein Punkt auf der Älggi-Alp - Gemeinde Sachseln -, 1645 Meter über Meer. Das Bundesamt für Landestopografie hat ihn aus Anlass des 150-jährigen Bestehens im Jahr 1988 ermittelt. Es handelt sich um den Flächenschwerpunkt der Schweiz. Man muss sich das so vorstellen: Würde man auf einem Karton die Umrisse und das Koordinatennetz der Schweiz zeichnen und ganz genau ausschneiden, dann könnte man die Karton-Schweiz bei Koordinate 660158 /183641 auf einer Nadel im Gleichgewicht halten. Wer's genau nimmt, und diesen Punkt in der Landschaft aufsuchen will, muss trittsicher und ein bisschen wagemutig sein. Der reale Flächenmittelpunkt der Schweiz liegt in einer schwer zugänglichen Fluh. Pragmatisch, wie Obwaldner (und Schweizer) sind, sah man das mit dem Mittelpunkt nicht so eng, denn er sollte sich ja auch vermarkten lassen. So markiert jetzt ein Stein unter einem Triangulationsdreieck den vermeintlichen Landes-Mittelpunkt. Er liegt etwa 500 Meter südöstlich des tatsächlichen Punktes. Läge man die Karton-Schweiz an diesem Punkt auf eine Nadelspitze, würde sie nach Nordwesten weg kippen. Dafür ist der Ort leicht zugänglich. Seit 2002 wird hier jeweils der «Schweizer des Jahres» geehrt: Beat Richner, Roger Federer, Lotti Latrous und Peter Sauber sind bis jetzt auf dem Mittelpunkt-Stein verewigt. Der Älggi-Alp, der Gemeinde Sachseln und dem Kanton Obwalden brachte die Vermarktung des Mittelpunkts ansehnliche Publizität. Die Aufmerksamkeit geniesst man im Kanton, auch wenn Obwaldner in der Regel eher bescheiden auftreten.

Flüeli Ranft OW

Ausgewogen idyllisch. Typische Obwaldner Hügellandschaff am Vorder-Schwarzenberg zwischen Samen und Alpnachstad.

Equilibre et idyllique. Le paysage vallonnä d'Obwald dans le Vorder-Schwarzenberg entre Samen et Alpnachstad.

Idyllic balance. Typical hilly landscape of Obwalden in Vorder-Schwarzenberg between Samen and Alpnachstad.

 

   
Flüeli Ranft OW

Ausflugsberg Pilatus. Er lässt sich von verschiedenen Seiten, aus zwei Kantonen und mittels unterschiedlichsten Bahnen erklimmen. Die Obwaldner Seite des berühmten Berges bietet im Sommer mit der steilsten Zahnradbahn der Welt einen geradezu atemberaubenden Aufstieg.

Le Pilate, but d'excursion par excellence, est accessible par plusieurs versants, ä partir de deux cantons dlffärents et au moyen de diverses remontäes mäcaniques. Le canton d'Obwald offre en ete une montäe ä vous couper le souffle gräce au train ä cremaillüre le plus raide du monde.

Destination mount Pilatus. The mountain can be climbed from several different sides, from two cantons and via extremely varied routes. In the summer, the breathtaking climb up the Obwalden side of the famous mountain leads via the steepest cog railway in the world.

   
Flüeli Ranft OW

Mit den Benediktinern des Klosters haben es die Engelberger über Jahrhunderte verstanden, eigenständig und erfolgreich zu bleiben. Engelberg/Titlis ist mit 750000 Übernachtungen neben Luzern die bedeutendste Tourismusmarke in der Innerschweiz.

Grâce aux Benedictins du couvent, les habitants d'Engelberg ont räussi au cours des siäcles ä rester autonomes et performants. Forte de ses 750000 nuitäes, Engelberg/ Titlis constitue, outre Lucerne, la marque touristique la plus importante de Suisse centrale.

For centuries, the inhabitants of Engelberg managed to live successfully and independently alongside the cloister's Benedictine monks. With 750,000 overnight visitors per year, Engelberg/Titlis is the second most important tourist site in central Switzerland after Lucern.

   
Flüeli Ranft OW

Im Bauch des Gletschers werden Titlis-Besucher mit Musikklängen und Farbenspiel in Stimmung versetzt und über die Eismassen informiert.

Dans le ventre du glacier les visiteurs du Titlis, animäs par un spectacle de sons et couleurs, sont informäs sur les masses de glace.

In the core of the glacier. Music and coloured lights set the mood for visitors to Titlis who have come to learn all about the ice masses.

Hauptsache anders

Wenn von Obwalden und Obwaldnern die Rede ist, kann man Nidwalden und die Nidwaldner nicht ausser Acht lassen. Die einen definieren sich gern über die andern, jedenfalls ist das bei Eingesessenen ein gern geübter Brauch. Aussenstehende und Zugezogene können oft nur schwer oder gar nicht erkennen, was denn den Unterschied zwischen den beiden Halbkantonen ausmacht. Dem auf Effizienz trainierten Sachverstand entzieht sich auch die Logik der Existenz von zwei benachbarten selbständigen «Staatswesen» von der Grösse einer Zürcher Vorortsgemeinde. Wenn man dann noch sieht, dass Obwalden aus zwei Teilen, dem «alten Kantonsteil» im Sarneraatal und der Enklave Engelberg besteht, und dass die territoriale Grenze zwischen Ob- und Nidwalden mitten durchs touristisch intensiv erschlossene und genutzte Skigebiet am Titlis führt, fragt man sich, ob das nicht ein bisschen einfacher zu haben wäre.

Ob und Nid dem Wald

Warum zum Beispiel nicht ein Vollkanton Unterwalden mit den Bezirken Obwalden, Nidwalden und Engelberg? Solche Gedankenspiele ernten in Ob und Nid dem Wald bestenfalls ein mitleidiges Lächeln. Was die beiden Halbkantone trennt, ist mehr als eine Waldgrenze. Historiker verweisen auf Kaiser Karl den Grossen. In seinem Plan zur Reichsteilung von 806 war die Grenze zwischen Ost- und Westreich entlang der heutigen Kantonsgrenze gezogen. Im späteren Deutschen Reich gehörte Obwalden zur Grafschaft Aargau, Nidwalden zur Grafschaft Zürichgau. Im 13. Jahrhundert sind die beiden Talschaften mit eigenen Talgemeinden und Talammännern nachgewiesen. Und der Abt von Engelberg konnte sich ohnehin auf den Status seines Territoriums als reichsunmittelbares Gebiet berufen. In der Alten Eidgenossenschaft verfolgte Obwalden eine eigene, höchst aktive und weit über den Brünig gerichtete Aussenpolitik. Zusammen mit Uri betrieben die Obwaldner eine aggressive Expansionspolitik in der Leventina und im Eschental (Domodossola). Über den Brünigpass hatten die Obwaldner schon seit frühester Zeit intensive Beziehungen mit dem Haslital, mit Bern und Burgund, aber auch über Grimsel und Griess mit dem Wallis und mit Oberitalien geknüpft. Die Obwaldner galten und gelten als offener, nüchterner, flexibler und anpassungsfähiger als ihre Stammesbrüder nid dem Wald.

Von Verrätern und Helden

Der Mentalitätsunterschied trat beim Zusammenbruch der Alten Eidgenossenschaft am auffälligsten und nachhaltigsten zu Tage. 1798 stimmten die Obwaldner einer ersten helvetischen Verfassung sehr rasch zu. Die andern Urkantone lehnten ab und machten Druck auf Sarnen. Obwalden gab nach und lehnte die Verfassung wenige Tage nach dem Ja in einer zweiten Abstimmung ebenfalls ab, um kurz darauf in einer dritten Abstimmung einer modifizierten Version der Helvetik-Verfassung wieder zuzustimmen. «Das kluge Taktieren ... dürfte einen Überfall (der französischen Armee) auf Obwalden verhindert haben», schreibt der Historiker Angelo Garovi in seiner Geschichte Obwaldens. Die Nidwaldner gaben ihren Widerstand nicht auf und erlebten mit dem «Franzosenüberfall» und den «Schreckenstagen von Stans» ein lange nachwirkendes kantonales Trauma. Die Obwaldner galten als «Verräter», die Nidwaldner als «Helden». Die «klugen Obwaldner» und die «sturen Nidwaldner» - der Gegensatz wird von traditionsbewussten Einheimischen noch immer gern gepflegt, heute bloss noch in der Form gegenseitiger Neckereien.

Fette Beute für Obwalden

Obwaldens taktische Klugheit und Flexibilität beim Untergang der Alten Eidgenossenschaft zahlte sich nicht nur in der relativen Unversehrtheit während der Franzosenherrschaft in der Urschweiz aus. Es gab auch fette «Beute» - der «alte Kantonsteil» konnte sich um Engelberg vergrössern. Es blieb seit Gründung der Eidgenossenschaft bis auf den heutigen Tag die einzige Gebietsveränderung in der Innerschweiz. 1798 verzichtete der Abt Leodegar Salzmann auf die seit der Klostergründung im 12. Jahrhundert unangefochtene Souveränität des Stifts über die Talschaft. Napoleons Meditationsakte schlug Engelberg dem Bezirk Stans/Nidwalden im Kanton Waldstätte zu. Dieses Gebilde wurde zwar nie Verwaltungspraxis, aber Engelberg sollte bei Nidwalden bleiben. Das aber wollten die Engelberger nicht. Sie suchten den Anschluss an Obwalden. 1815 wurde der Anschlussvertrag formell abgeschlossen und von der eidgenössischen Tagsatzung ratifiziert. Nidwalden und seine Anhänger im Klosterdorf versuchten, den Entscheid rückgängig zu machen. Obwalden reagierte mit einem Hochverratsprozess, Nidwalden verweigerte Engelbergern das Niederlassungsrecht - der Anschluss Engelbergs an Obwalden war ein Grund mehr, sich in Unterwalden Nid und Ob dem Wald gegenseitig nicht zu mögen.

Massgeschneiderte Tourismuspolitik

Engelberg ist unangefochten der touristische Hauptort im Kanton Obwalden. Umstellt von Titlis und Graustock im Süden, WalenStöcken, Ruchstock und Wissigstock im Norden und Nordosten breitet sich auf dem ebenen Talboden auf 1000 Meter Höhe der teilweise städtisch anmutende Tourismusort aus. Es ist, geografisch betrachtet, eine abgelegene Gegend. Engelberg liegt an keiner bedeutenden Verkehrsachse. Die Wege ins Reusstal über den Surenenpass, ins bernische Haslital und zu den Obwaldner Alpen von Melchsee-Frutt über den Jochpass und ins Melchtal über den Juchlipass sind bestenfalls mühselig zu begehende Saumpfade. Und von Norden führt bloss die enge Schlucht aus dem hinteren Talkessel von Wolfenschiessen nach Engelberg hinauf. Die Lage als Enklave, ohne direkte Verbindung mit dem «alten» Kantonsteil, hat es den Engelberger Talbehörden und Touristikern im Regionalverbund mit Nidwalden ermöglicht, eine eigenständige, massgeschneiderte Entwicklungspolitik zu betreiben. Engelberg/Titlis ist heute mit rund 750 000 Übernachtungen im Jahr die neben Luzern bedeutendste Tourismusmarke der Zentralschweiz.

Kulturort auf 1000 Metern

Der Tourismus hat Tradition im Tal. Frühe Reisende machten schon im 16.,17. und 18. Jahrhundert Station in Engelberg. Natur und Alpenforscher wie Jakob Scheuchzer (1702 und 1706) und Albrecht von Haller (1728) waren Gäste im Hochtal; Ende des 18. Jahrhunderts sind die ersten Gäste aus England verbürgt («Miss Helen Williams mit einer Empfehlung an den Abt»). Unter den Kulturreisenden des 19. Jahrhunderts erfreute sich Engelberg grosser Beliebtheit - das Kloster mit seinen Barockbauten, Kirchenschätzen und Bildungsangeboten war ein wichtiger Grund, nach Engelberg zu reisen. Felix Mendelssohn spielte auf der Chororgel, und verzückt schrieb er: «Dieses Thal wird mir wohl eines der liebsten aus der ganzen Schweiz werden.» Königin Victoria von England sei inkognito in der Stiftskirche gewesen, um «den Klängen des Salve Regina zu lauschen», wird überliefert. In den letzten Jahren ist die Musiktradition in Engelberg wieder belebt worden - Meisterkurse mit dem Pianisten Alexis Weissenberg haben dazu beigetragen, Engelberg wieder zu einem Markenzeichen als Kulturort zu machen. «Academia Engelberg» und «Forum Engelberg» sind als renommierte Kongresse mit internationaler Ausstrahlung bekannt geworden.

Schneeparadies dank Kunstschnee

Doch volkswirtschaftlich wichtiger als die prestigestarken Edelsteine im touristischen Angebot sind Engelbergs Bergbahnen und «Beschäftigungsanlagen» im Skigebiet von Trübsee und Titlis. In der Wintersaison 2006/07 wird die laut Bergbahnen Engelberg-Trübsee-Titlis AG «modernste Beschneiungsanlage der Schweiz» 41 Kilometer Kunstschnee-Piste produzieren. In Engelberg rüstet man für die Zeit der in die Höhe kletternden Schneefallgrenzen auf. Die Unternehmensstrategen haben noch weitergehende Pläne. Unter dem Label «Schneeparadies Hasliberg-Titlis» streben die Bahnunternehmen Titlis, Melchsee-Frutt und Hasliberg den Zusammenschluss ihrer Skigebiete an. Ihnen schwebt «eine der grössten Schneesportanlagen der Alpen» mit 51 Anlagen und 210 Kilometer Pistenlänge vor. Die Federführung fürs Projekt liegt bei den Engelbergern. Nur einige wenige grosse Bahnunternehmen mit attraktiven, weiträumigen Skizirkus-Angeboten werden in Zukunft konkurrenzfähig sein, argumentieren die Projektverfasser. Naturfreunde und Alpenschützer verfolgen die Pläne in der Region TitlisFrutt-Hasliberg mit Sorge. Zwischen Engstlenalp im hintersten, noch weitgehend naturbelassenen Gental, und den Skianlagen des Familienferienortes Melchsee-Frutt liegt jetzt noch ein zusammenhängendes Touren und Wandergebiet ohne touristische Anlagen. Fürs «Schneeparadies Hasliberg-Titlis» müssten Bahnen, Pisten und Verbindungstunnels in die Karstlandschaft gebaut werden. Das ist Engelberger Zukunftsmusik.

Von der Vergangenheit eingeholt

Wer in der Gegenwart aus der Obwaldner Enklave Engelberg zurück ins Sarneraatal, den «alten Kantonsteil», wandert, kann den wildromantischen Bergweg über die Nidwaldner Rinder- und Schafalpen zum wenig begangenen Bocki-Rotisand wählen. Der Übergang auf 2204 Meter Höhe ist die Kantonsgrenze zwischen Nid- und Obwalden. Bei Gruebi, der ersten Alphütte auf Obwaldner Boden, wird der aufmerksame Wanderer unvermittelt mit der jüngsten Vergangenheit konfrontiert. Auf dieser kargen Karstalp spielte sich vor etwas über hundert Jahren ein Wilderer-Drama ab, das die Einheimischen in Ob- und Nidwalden noch heute bewegt. «Hier, an dieser Stelle», steht in einen Fels gemeisselt, «wurden die beiden Wildhüter Vater Werner Durrer, Sohn Josef Durrer am 14. Oct. 1899 in treuer Erfüllung ihres Berufes meuchlings erschossen. Betet für uns und gedenket des eigenen Todes!» Die Durrers waren Obwaldner Wildhüter im eidgenössischen Jagdbanngebiet, der Wilderer und Doppelmörder Adolf Scheuber war ein Nidwaldner aus Wolfenschiessen. Er floh nach der Verhaftung durch Nidwaldner Polizisten, und seine Spur verliert sich in Südamerika. Obwalden - das ist liebliche Landschaft, ehrgeizige Finanzpolitik, leistungsfähige Wirtschaft, zukunftsgläubiger Tourismus; und unter diesen Affichen der Gegenwart schlummert die Erinnerung an die archaisch-wilde Vergangenheit eines Berglandes.

 

OBWALDEN IN STICHWORTEN

Höchster Punkt
2700 m ü. M.: Rotsandnollen.
Tiefster Punkt
434 m ü. M.: Alpnachersee, durchschnittlicher Seepegel.

Lage
Kerngebiet: Tal der Sarneraa zwischen Brünig im Süden und Rengg/Alpnach im Norden; Pilatus, Brienzer Rothorn im Westen und Stanserhorn, Graustock im Osten.

Exklave: Talschaft Engelberg zwischen Titlis im Süden und Walenstöcke, Engelberger Rotstock im Norden.
Fläche 490,49 Quadratkilometer; 189,73 Quadratkilometer landwirtschaftliche Nutzfläche, davon 60 Prozent alpwirtschaftliche Nutzfläche, Waldanteil nahezu 40 Prozent.

Bevölkerung
33535 Einwohner (2005), davon 12 Prozent ausländischer Nationalität, 88 Prozent römischkatholisch, 7 Prozent protestantisch, 5 Prozent andere Religionszugehörigkeit oder konfessionslos; 13400 Privathaushalte.

Politik
Sieben Gemeinden (sechs im Sarneraatal und Engelberg); Kantonsrat (Legislative) 55 Sitze, 23 CVP, 10 CSP, 10 FDP, 6 SVP, 6 SP; Regierungsrat (Exekutive) 5 Mitglieder, 2 CVP, 2 CSP, 1 FDP; Halbkanton, eine Standesstimme, ein Nationalrat (CVP), ein Ständerat (FDP).

Wirtschaftsstruktur
Rund 16000 Beschäftigte an rund 2500 Arbeitsplätzen; 14,1 Prozent Land- und Forstwirtschaft, 36,2 Prozent Industrie und Gewerbe, 49,7 Prozent Dienstleistungen und Tourismus.

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